Kurz gesagt: „High“ zu sein bedeutet, dass sich Wahrnehmung, Denken und Körpergefühl vorübergehend verändern – zum Beispiel nach dem Konsum von Cannabis oder Psychedelika. Das Cannabis-High ist übrigens auch aus medizinischer Sicht spannend: Denn laut einer großen Alltagsstudie fiel die Symptomlinderung durch Cannabis im Durchschnitt stärker aus, wenn ein High erlebt wurde. Die mögliche Cannabis-Wirkung könnte also nicht allein auf den Wirkstoffgehalt eines Cannabis-Produkts zurückzuführen sein, sondern aus dem Zusammenspiel von Biologie und Bewusstsein.
Wie fühlt sich ein Cannabis-High an?
Manche beschreiben das High nach dem Cannabiskonsum wie einen leichten Schleier, der sich über den Alltag legt. Geräusche wirken runder, Farben satter, Gespräche bedeutungsvoller. Minuten dehnen sich, Gedanken springen – von einer Erinnerung zur nächsten Idee, von einer Beobachtung zu einer scheinbar tiefen Erkenntnis. Der eigene Körper rückt näher, der Puls wird spürbarer, das eigene Denken hörbarer. Andere erleben es als wohliges Zurücklehnen im eigenen Kopf. Wieder andere als ein seltsames oder sogar beängstigendes Gefühl.
Eine Laborstudie aus dem Jahr 2022 hat versucht, den Zustand des Cannabis-Highs präzise zu vermessen. 25 gesunde Erwachsene, die selten Cannabis konsumieren, bekamen entweder 7,5 oder 15 Milligramm THC – oder ein Placebo. Niemand wusste, wer was erhalten hatte.[1]
Das Ergebnis: THC veränderte das Erleben deutlich – und zwar mit steigender Dosis stärker.[1]
Die Teilnehmenden beschrieben:
- ein verschobenes Zeitgefühl („Zeit ist seltsam“),
- intensivere Wahrnehmung,
- ein Gefühl, sich selbst stärker zu beobachten,
- neue, manchmal überraschende Gedankenverbindungen.[1]
In Fragebögen stieg unter THC das Gefühl von „Insightfulness“ – also das Empfinden, zu Einsichten zu gelangen. Gleichzeitig nahmen zwei scheinbar gegensätzliche Dinge zu: Die Gedanken schweiften stärker ab („Mind-Wandering“), und dennoch fühlten sich die Teilnehmenden achtsamer für das, was in ihnen vorging.[1]
Wenn Gedanken freier fließen
Das THC-High ist also kein bloßer Nebel im Kopf. Es ist eher ein Zustand, in dem Gedanken freier fließen – manchmal klarer, manchmal sprunghafter.
Das zeigte sich sogar in der Sprache: Unter THC wurden die freien Beschreibungen assoziativer und weniger geradlinig. Die Forschenden sprechen von erhöhter „Entropie“ – also größerer gedanklicher Vielfalt.[1]
Wichtig ist: Die Studie sagt nicht, dass dieses Erleben nur positiv ist. Das Gefühl von „Einsicht“ könnte echte Klarheit sein – oder eine Form von verzerrtem Denken. THC erzeugt einen veränderten Bewusstseinszustand, der Potenzial und Risiko zugleich birgt.[1]
Cannabinoide, Cannabinoid-Rezeptoren und die Wirkung von Cannabis
Wissenschaftlich betrachtet entsteht dieser Zustand, weil Cannabis über ein körpereigenes System wirkt: das sogenannte Endocannabinoid-System. Dieses steuert unter anderem Schmerz, Stimmung, Appetit und Stress. Der psychoaktive Wirkstoff THC dockt vor allem an sogenannte CB1-Rezeptoren im Gehirn an – in Regionen, die für Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen und Selbstwahrnehmung zuständig sind.[1]
Dort verändert THC die Signalübertragung zwischen Nervenzellen. Das erklärt, warum sich unter Cannabis Zeitgefühl, Aufmerksamkeit und Gedankenfluss verschieben können. CB2-Rezeptoren, die eher im Immunsystem sitzen, spielen zusätzlich eine Rolle bei Entzündungsprozessen. Neben THC enthält die Cannabispflanze weitere Cannabinoide wie CBD, das nicht berauschend wirkt und die Effekte von THC teilweise modulieren kann.
Und was macht das High medizinisch?
Hier wird es spannend. Eine zweite, deutlich größere Studie hat untersucht, was passiert, wenn Menschen Cannabis medizinisch nutzen – im echten Alltag.[2]
Fast 1.900 Cannabis-Patient:innen dokumentierten über eine App mehr als 16.000 Cannabis-Anwendungen. Sie hielten fest:
- wie stark ihre Beschwerden vor dem Konsum waren,
- welches Produkt sie nutzten,
- wie viel sie konsumierten,
- ob sie sich high fühlten,
- und wie es ihnen danach ging.[2]
In etwa der Hälfte der Anwendungen berichteten die Nutzenden ein High.[2]
High sein – Bedeutung für die Cannabis-Therapie
Und nun der zentrale Befund: Wenn ein High erlebt wurde, fiel die Symptomlinderung im Durchschnitt stärker aus. Konkret war die Verbesserung rund 7,7 Prozent größer als in Anwendungen ohne High.[2]
Das galt selbst dann, wenn man THC-Gehalt, Dosierung, Pflanzenart und Konsumform statistisch berücksichtigte. Das High war also nicht bloß ein Zeichen für „viel THC“, sondern hing eigenständig mit stärkerer Linderung zusammen.[2]
Besonders deutlich zeigte sich das bei:
- Schmerzen
- Angst
- Depressionen
- Erschöpfung
Bei Schlafproblemen war der Zusammenhang dagegen nicht eindeutig.[2]
Mehr Cannabis-Wirkung, mehr Risiko
Allerdings hatte das High auch eine Kehrseite. Wenn Patient:innen angaben, high zu sein, berichteten sie deutlich häufiger von Nebenwirkungen – vor allem negative. Die Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Effekte stieg um 14,4 Prozentpunkte. Auch positive Begleiterscheinungen wie Entspannung nahmen zu, aber weniger stark.[2]
Was bedeutet das alles?
Legt man beide Studien nebeneinander, entsteht ein plausibles Bild:
THC verändert das Bewusstsein messbar. Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedankenfluss und Selbstgefühl verschieben sich.[1]
Und genau dieses veränderte Erleben scheint bei bestimmten Beschwerden mit stärkerer Linderung verbunden zu sein.[2]
Das ist besonders interessant bei Krankheiten wie Schmerz, Angst oder Depression – also Zuständen, die stark vom inneren Erleben geprägt sind. Wenn sich das Bewusstsein verändert, verändert sich möglicherweise auch die Art, wie Schmerz oder Angst empfunden werden.
Doch Vorsicht: Keine der beiden Studien beweist Ursache und Wirkung. Die Laborstudie war klein und untersuchte Gesunde.[1] Die App-Studie basiert auf Selbstangaben ohne Placebokontrolle.[2]
Was sie zeigen, sind Zusammenhänge. Keine endgültigen Antworten.
Der schmale Grat der Cannabistherapie
Das Cannabis-High ist weder bloß Nebenwirkung noch automatisch therapeutisch. Es ist ein veränderter Bewusstseinszustand – und dieser Zustand kann mit stärkerer Symptomlinderung verbunden sein.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Ist ein High gut oder schlecht?“. Sondern: Für wen, bei welcher Erkrankung – und in welcher Dosis – überwiegt der Nutzen die Risiken?
Zwischen Klarheit und Kontrollverlust, zwischen Erleichterung und Nebenwirkung liegt ein schmaler Grat. Genau dort bewegt sich die medizinische Cannabis-Therapie.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen high und stoned?
Im Alltag beschreibt „high“ meist einen eher geistigen Zustand: Gedanken wirken lebhafter oder sprunghafter, Sinneseindrücke intensiver, das Zeitgefühl verändert, manchmal begleitet von Euphorie oder Kreativität.
„Stoned“ hingegen steht eher für eine körperlich spürbare Wirkung – tiefe Entspannung, Schweregefühl, Müdigkeit und Verlangsamung. Wissenschaftlich ist diese Unterscheidung nicht exakt definiert, da beide Zustände durch THC an denselben Rezeptoren im Gehirn entstehen; ob sich jemand eher high oder stoned fühlt, hängt von Dosis, individueller Empfindlichkeit und Situation ab.
Wie lange dauert das High nach dem Cannabis-Konsum an?
Beim Rauchen oder Verdampfen von Cannabis kann die Wirkung meist innerhalb weniger Minuten (oft nach etwa 5–10 Minuten) einsetzen und hält in der Regel 2 bis 3 Stunden an. Beim Essen oder Trinken von Cannabisprodukten (z. B. Kekse, Edibles) dauert es länger, bis die Wirkung eintritt – meist 30 bis 60 Minuten, manchmal auch länger. Dafür kann das High deutlich länger anhalten: je nach Dosis und individueller Empfindlichkeit etwa 3 bis 10 Stunden. Entscheidend sind außerdem Faktoren wie Dosis, THC-Gehalt, persönliche Toleranz und Stoffwechsel.[3]
Macht medizinisches Cannabis high?
Das kommt darauf an, welches Produkt und welche Dosis verwendet werden. Aber Cannabis auf Rezept enthält – je nach Präparat – den psychoaktiven Wirkstoff THC. Dieser kann ein High auslösen, weil er an Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn bindet und Wahrnehmung, Denken und Stimmung verändert.
Quellen
[1] Murray, C. H., & Srinivasa-Desikan, B. (2022). The altered state of consciousness induced by Δ9-THC. Consciousness and Cognition, 102, 103357.
[2] Stith, S. S., Li, X., Brockelman, F., Keeling, K., Hall, B., & Vigil, J. M. (2023). Understanding feeling “high” and its role in medical cannabis patient outcomes. Frontiers in Pharmacology, 14, 1135453.
[3] Sucht Schweiz. (o. J.). Cannabis: Wirkung – Risiken. https://www.suchtschweiz.ch/zahlen-und-fakten/cannabis/cannabis-wirkung-risiken/




















