Kurz gesagt: Ob Cannabis der Leber schadet oder nützt, lässt sich derzeit nicht pauschal beantworten. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Cannabinoide wie CBD oder CBG bei Stoffwechselerkrankungen der Leber – etwa Fettleber – positive Effekte haben könnten, zumindest in Tiermodellen.[2] Gleichzeitig zeigen klinische Studien am Menschen, dass CBD in höheren Dosierungen bei einem Teil der Konsument:innen vorübergehend erhöhte Leberwerte verursachen kann.[3] Fest steht außerdem, dass Cannabinoide in der Leber abgebaut werden und mit anderen Medikamenten wechselwirken können.[1] Insgesamt zeigt die Forschung daher ein gemischtes Bild: Cannabis kann die Leber beeinflussen – sowohl potenziell positiv als auch belastend. Viele Fragen sind noch nicht endgültig geklärt.
Cannabis wird oft vor allem mit seiner Wirkung auf das Gehirn in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist, dass auch ein anderes Organ eine zentrale Rolle spielt: die Leber. Sie ist das wichtigste Stoffwechselorgan des Körpers und auch der Ort, an dem viele Cannabinoide verarbeitet werden.
In den letzten Jahren hat sich die Forschung verstärkt mit der Frage beschäftigt, wie Cannabis und einzelne Cannabinoide die Leber beeinflussen. Einige Studien deuten auf mögliche therapeutische Effekte hin, etwa bei Fettlebererkrankungen. Andere weisen darauf hin, dass bestimmte Cannabinoide die Leber auch belasten können.
Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten geben einen guten Überblick über diesen komplexen Zusammenhang. Sie zeigen: Die Beziehung zwischen Cannabis und Leber ist weder eindeutig positiv noch eindeutig negativ, sondern deutlich differenzierter.
Wie Cannabis in der Leber verarbeitet wird
Wenn Cannabinoide wie THC oder CBD in den Körper gelangen, werden sie hauptsächlich in der Leber abgebaut. Dort übernehmen spezielle Enzyme – vor allem aus dem sogenannten Cytochrom-P450-System – die Aufgabe, die Wirkstoffe chemisch umzuwandeln und für die Ausscheidung vorzubereiten.[1]
Dieser Stoffwechselprozess hat zwei wichtige Konsequenzen:
- Die Leber bestimmt maßgeblich, wie stark und wie lange Cannabinoide wirken.
- Cannabinoide können mit anderen Medikamenten interagieren, die über dieselben Enzyme abgebaut werden.[1]
Besonders relevant wird das bei Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen. Hier können sich Wirkstoffe gegenseitig beeinflussen – etwa indem ein Medikament langsamer oder schneller abgebaut wird.
Unser Tipp: Lies passend zu dem Thema auch unsere Artikel zu Ibuprofen und Cannabis sowie Cannabis und seine Auswirkungen auf den Blutdruck.
Können Cannabinoide der Leber sogar helfen?
Einige Forschende untersuchen, ob bestimmte Cannabinoide möglicherweise therapeutische Effekte bei Lebererkrankungen haben könnten. Besonders im Fokus steht dabei die metabolische Fettlebererkrankung (MASLD) – eine der häufigsten chronischen Leberkrankheiten weltweit.
Eine experimentelle Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte die Wirkung von Cannabidiol (CBD) und Cannabigerol (CBG) auf Mäuse mit einer durch fettreiche Ernährung verursachten Fettleber.[2]
Die Ergebnisse zeigten mehrere Verbesserungen:
- niedrigere Blutzuckerwerte
- weniger Fettansammlung in der Leber
- bessere Blutfettwerte
- geringere Mengen schädlicher Lipide wie Ceramide
Auch histologische Untersuchungen der Leber – also mikroskopische Gewebeanalysen von Leberproben – bestätigten, dass sich die Fettablagerungen in den behandelten Tieren deutlich verringerten.[2]
Wie könnten CBD und CBG der Leber helfen?
Besonders interessant an dieser Studie ist der vorgeschlagene Wirkmechanismus. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass CBD und CBG die Leber auf zwei Arten unterstützen könnten.
1. Stabilisierung des Energiehaushalts der Leberzellen
Unter der Behandlung mit CBD oder CBG stiegen in der Leber die Konzentrationen von Kreatin und Phosphokreatin deutlich an.[2]
Dieses System wirkt wie eine Energiepufferung in Zellen: Es hilft, kurzfristig Energie bereitzustellen und den Zellstoffwechsel stabil zu halten.
Die Studie vermutet daher, dass Cannabinoide der Leber helfen könnten, besser mit metabolischem Stress umzugehen.[2]
2. Verbesserung der „Recycling-Systeme“ der Zellen
Die Forschenden beobachteten außerdem Veränderungen in sogenannten Lysosomen – den Recyclingzentren der Zellen. Dort werden Stoffe wie Fette und Proteine abgebaut.
Unter CBD- und CBG-Behandlung:
- verbesserte sich die Aktivität bestimmter lysosomaler Enzyme
- erhöhte sich die Fähigkeit der Zellen, Fett abzubauen
Das könnte erklären, warum sich die Fettablagerungen in der Leber verringerten.[2]
Wichtig ist jedoch: Diese Ergebnisse stammen aus einer Tierstudie. Ob sich derselbe Effekt beim Menschen zeigt, ist bislang nicht geklärt.
Kann CBD die Leber auch belasten?
Während einige Studien potenzielle Vorteile untersuchen, beschäftigen sich andere mit möglichen Risiken.
Eine randomisierte klinische Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte, ob CBD bei gesunden Erwachsenen Auswirkungen auf die Leberwerte hat.[3]
Die Studie umfasste:
- 201 gesunde Teilnehmer
- 28 Tage CBD-Einnahme
- eine Dosierung von etwa 5 mg pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag
Diese Dosis entspricht ungefähr mehreren hundert Milligramm CBD täglich – ein Bereich, den manche Konsument:innen laut Umfragen tatsächlich verwenden.[3]
Was zeigte die Humanstudie?
In der Studie entwickelten einige Teilnehmende erhöhte Leberwerte:
- 8 von 151 Personen in der CBD-Gruppe (5,6 %)
- 0 von 50 Personen in der Placebo-Gruppe
Bei diesen Teilnehmern stiegen die Leberenzyme ALT oder AST auf mehr als das Dreifache des normalen Grenzwerts an.[3]
Solche Veränderungen gelten als Hinweis darauf, dass die Leberzellen belastet sein könnten.
Wie schwer waren diese Veränderungen?
Die erhöhten Leberwerte traten meist erst nach etwa drei Wochen der CBD-Einnahme auf.[3]
Wichtig ist jedoch:
- Es kam zu keinen schweren klinischen Leberschäden.
- Nach Absetzen von CBD normalisierten sich die Werte innerhalb von ein bis zwei Wochen wieder.
Die Studie zeigt also vor allem, dass CBD bei einem Teil der Menschen messbare Effekte auf die Leber haben kann.[3]
Warum solche Veränderungen oft unbemerkt bleiben
Ein interessantes Detail der Studie ist der zeitliche Verlauf. Die erhöhten Leberwerte entwickelten sich schleichend und ohne deutliche Symptome.[3]
Das bedeutet: Ohne Blutuntersuchung würden viele Betroffene gar nicht merken, dass sich ihre Leberwerte verändern.
Deshalb schlagen die Forschenden vor, CBD-Konsum bei medizinischen Untersuchungen künftig stärker zu berücksichtigen – insbesondere bei Menschen mit bestehenden Lebererkrankungen oder bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme.[3]
Cannabis und alkoholbedingte Lebererkrankungen
Eine große Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2025 untersuchte, ob Cannabis einen Einfluss auf alkoholbedingte Lebererkrankungen haben könnte. Dazu wurden medizinische Daten von tausenden Menschen mit Alkoholabhängigkeit analysiert.
Das Ergebnis: Personen, die Cannabis konsumierten, entwickelten seltener alkoholbedingte Lebererkrankungen als Menschen ohne Cannabiskonsum. In der Gruppe mit starkem Cannabiskonsum lag das Risiko für alkoholbedingte Leberkrankheiten rund 40 Prozent niedriger. Auch schwere Komplikationen der Leber sowie die Gesamtsterblichkeit traten etwas seltener auf.[4]
Die Forschenden vermuten, dass diese Beobachtung mit dem sogenannten Endocannabinoid-System zusammenhängen könnte. Bestimmte Cannabinoidrezeptoren in der Leber beeinflussen Entzündungsprozesse, Fettstoffwechsel und die Bildung von Narbengewebe. Besonders der Wirkstoff Cannabidiol (CBD) zeigte laut den Forschenden in früheren Tierstudien entzündungshemmende und möglicherweise leberschützende Effekte.
Wichtig ist jedoch: Die Studie zeigt lediglich einen statistischen Zusammenhang, keinen direkten Ursache-Wirkungs-Beweis. Ob Cannabis oder einzelne Cannabinoide tatsächlich vor alkoholbedingten Leberschäden schützen können, müssen kontrollierte klinische Studien erst noch klären.[4]
Was bedeutet das für die Bewertung von Cannabis?
Die aktuelle Forschung zeigt ein differenziertes Bild. Cannabinoide werden in der Leber verstoffwechselt und können dort verschiedene Prozesse beeinflussen.[1] Experimentelle Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Cannabinoide den Fettstoffwechsel der Leber verändern und möglicherweise bei Fettlebererkrankungen eine Rolle spielen könnten – zumindest in Tiermodellen.[2] Gleichzeitig zeigen klinische Untersuchungen, dass Cannabidiol (CBD) bei einem Teil der Menschen vorübergehend erhöhte Leberwerte verursachen kann, insbesondere bei höheren Dosierungen.[3]
Insgesamt lässt sich daher festhalten: Cannabis wirkt nicht eindeutig schädlich oder eindeutig schützend auf die Leber. Die vorhandenen Studien zeigen sowohl mögliche positive Effekte als auch potenzielle Belastungen. Viele Fragen – insbesondere zu langfristigen Auswirkungen und zur Rolle einzelner Cannabinoide – sind derzeit noch nicht abschließend geklärt.[1,2,3]
Cannabis und Leber: Ein komplexes Zusammenspiel
Cannabis und die Leber stehen in einer engen Beziehung. Die Leber ist nicht nur der Ort, an dem Cannabinoide abgebaut werden – sie scheint auch auf vielfältige Weise auf diese Stoffe zu reagieren.
Einige Studien sehen darin mögliche therapeutische Ansätze, etwa bei Stoffwechselerkrankungen der Leber. Andere weisen darauf hin, dass höhere Cannabinoid-Dosen die Leber belasten können.
Die wichtigste Erkenntnis der aktuellen Forschung lautet daher: Die Wirkung von Cannabis auf die Leber ist komplex und noch nicht vollständig verstanden.
Weitere Studien – insbesondere langfristige Untersuchungen am Menschen – werden nötig sein, um genauer zu klären, unter welchen Bedingungen Cannabinoide eher Nutzen oder Risiken für die Leber darstellen.
Quellen
[1] Zhu, J., & Peltekian, K. M. (2019). Cannabis and the liver: Things you wanted to know but were afraid to ask. Canadian Liver Journal, 2(3), 51–57.
[2] Kocvarova, R., Azar, S., Agranovich, B., Abramovich, I., Kirillov, S., Nemirovski, A., Baraghithy, S., Plaschkes, I., Merquiol, E., Rouvinski, A., Blum, G., Hinden, L., & Tam, J. (2026). Cannabidiol and cannabigerol ameliorate steatotic liver disease via phosphocreatine buffering and lysosomal restoration. British Journal of Pharmacology. Advance online publication.
[3] Florian, J., Salcedo, P., Burkhart, K., et al. (2025). Cannabidiol and liver enzyme level elevations in healthy adults: A randomized clinical trial. JAMA Internal Medicine, 185(9), 1070–1078.
[4] Fakhoury, B., Jahagirdar, V., Rama, K., Hudson, D., Wang, W., Díaz, L. A., & Arab, J. P. (2025). The cannabinoid system as a potential novel target for alcohol-associated liver disease: A propensity-matched cohort study. Liver International, 45(11).
[5] Shahidi, M., Tay, E. S. E., Read, S. A., Ramezani-Moghadam, M., Chayama, K., George, J., & Douglas, M. W. (2014). Endocannabinoid CB1 antagonists inhibit hepatitis C virus production, providing a novel class of antiviral host-targeting agents. Journal of General Virology, 95(11), 2468–2479.










