Ein deutlicher Anstieg des Cannabiskonsums ist auch zwei Jahre nach der Teillegalisierung nicht erkennbar. Das zeigt der zweite Zwischenbericht des gesetzlich beauftragten und interdisziplinären Forschungsverbunds Ekocan (Evaluation des Konsumcannabisgesetzes).
Damit bleibt eine der zentralen Befürchtungen aus der politischen Debatte vorerst unbelegt. Insbesondere aus konservativen Parteien wie CDU/CSU waren im Vorfeld Szenarien formuliert worden, die von steigenden Gesundheitsrisiken über eine Gefährdung junger Menschen bis hin zu einer Stärkung organisierter Kriminalität reichten.
Die bisherigen Daten zeichnen ein differenzierteres Bild. Sie legen nahe, dass sich durch die Teillegalisierung vor allem die Rahmenbedingungen verändert haben – weniger jedoch das Konsumverhalten der Bevölkerung selbst.
Konsum: stabile Zahlen trotz neuer Regeln
Im Zwischenbericht wird deutlich: Der Cannabiskonsum unter Erwachsenen steigt schon seit rund 15 Jahren an. Gleichzeitig nehmen auch gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit dem Konsum zu. Dieser Trend setzt sich offenbar auch nach der Teillegalisierung fort. Ein Einfluss des neuen Gesetzes? Nicht erkennbar.
Auch eine weitere häufig geäußerte Sorge hat sich bislang nicht bestätigt: Die verfügbaren Daten zeigen, dass der Cannabiskonsum unter Jugendlichen nach der Teillegalisierung stabil geblieben bzw. sogar leicht zurückgegangen ist. Hinweise darauf, dass junge Menschen die Risiken unterschätzen, gibt es ebenfalls nicht – im Gegenteil:
„Unter Jugendlichen scheint es ein ausgeprägtes Risikobewusstsein für die Gesundheitsgefahren von Cannabis zu geben, und bestehende Präventionsangebote – zum Beispiel in Schulen und Sozialen Medien – werden von ihnen auch in Anspruch genommen“, erläutert Daniel Kotz, Leiter des Schwerpunkts Suchtforschung und klinische
Epidemiologie, in der Pressemitteilung zum Bericht. „Allerdings nehmen durch die Teillegalisierung weniger junge Menschen an Frühinterventionsprogrammen teil, weil verpflichtende Zuweisungen durch die Behörden kaum noch erfolgen.“
Organisierte Kriminalität: unter Druck, aber weiterhin präsent
In puncto organisierter Kriminalität kommt der Bericht zu einer vorsichtig positiven Einschätzung: Es sei davon auszugehen, dass es gelungen ist, den Schwarzmarkt partiell zurückzudrängen. “Immer mehr Konsumierende greifen auf die nunmehr (im Prinzip) legalen Bezugsquellen zurück.“
Gleichzeitig bleibt der illegale Handel aktiv. Das zeigt sich unter anderem daran, dass deutlich mehr Cannabis vom Zoll sichergestellt wird als zuvor. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sich Teile der organisierten Kriminalität an die neuen Bedingungen anpassen und versuchen, weiterhin vom Markt zu profitieren.
Unterm Strich bedeutet das: Die Legalisierung hat den Schwarzmarkt unter Druck gesetzt, aber ihn nicht verschwinden lassen.
Medizinalcannabis: Zwischen Therapie und Grauzone
Besonders stark verändert hat sich durch die Reform der Bereich des medizinischen Cannabis. Seit der Gesetzesanpassung kann es deutlich unkomplizierter verschrieben werden. Formal wie jedes andere verschreibungspflichtige Medikament.
Die Zahlen spiegeln diese Entwicklung deutlich wider. Die importierten Mengen an Cannabisblüten sind innerhalb eines Jahres stark gestiegen, und Deutschland gilt inzwischen als einer der größten legalen Cannabismärkte Europas. Gleichzeitig, so mahnt der Bericht, verschwimmen für viele Konsumierende offenbar die Grenzen zwischen medizinischer Anwendung und Freizeitkonsum.
Politisch sorgt diese Annahme für Diskussionen. Kritiker sehen die Gefahr, dass medizinisches Cannabis gezielt als legaler Zugang für den Freizeitgebrauch genutzt wird. Auch Einschränkungen – etwa beim Versand durch Online-Apotheken oder bei der Verschreibung per Videosprechstunde – stehen aktuell im Raum, sind bislang aber nicht beschlossen.
Der Bericht selbst schlägt einen anderen Weg vor. Statt pauschaler Verbote plädiert die Expert:innengruppe von Ekocan für eine gezieltere Regulierung: etwa durch Begrenzungen des THC-Gehalts bei frei verschreibbaren Cannabisblüten.
Bezugsquellen: legaler Markt wächst, Cannabis Social Clubs bleiben Randerscheinung
Weiter zeigt der Bericht, dass Konsumierende ihr Cannabis aus unterschiedlichen Quellen beziehen. Neben Apotheken spielt weiterhin das persönliche Umfeld eine Rolle – etwa über Freunde oder Bekannte. Gleichzeitig gewinnt auch der private Eigenanbau an Bedeutung.
Die Anbauvereinigungen hingegen, ursprünglich als zentrale Säule des neuen Systems gedacht, spielen bislang nur eine geringe Rolle. Nur ein kleiner Teil der Konsumierenden nutzt dieses Angebot überhaupt, und in vielen Regionen existieren die sogenannten Cannabis Social Clubs bislang gar nicht. Als Gründe werden immer wieder die strengen gesetzlichen Vorgaben und der hohe bürokratische Aufwand genannt. In der Praxis erschweren sie offenbar sowohl die Gründung als auch den laufenden Betrieb. So verhindern sie auch, dass sich dieses Modell stärker etabliert und Konsumierende hier legal Cannabis beziehen können.
In der begleitenden Pressemitteilung betonen die Forschenden: „Die nur langsame Verdrängung des Schwarzmarktes könnte durch eine Stärkung der Anbauvereinigungen beschleunigt werden. Hierzu gehört insbesondere die Vereinfachung gesetzlicher Vorschriften für den Anbau und die Weitergabe von Cannabis in diesen Vereinen.“
Zwischen Anpassung und weiterer Entwicklung
Eine Empfehlung, die wir bei CanDoc ausdrücklich unterstützen. Denn aus unserer Sicht braucht es jetzt keine grundlegende Kehrtwende, sondern eine präzise Weiterentwicklung der bestehenden Regelungen. Entscheidend ist, den legalen Zugang für Konsumierende sinnvoll auszubauen und gleichzeitig eine verlässliche, patientenorientierte Versorgung im medizinischen Bereich zu sichern.
Dazu gehört auch der Erhalt telemedizinischer Angebote. Eine Einschränkung würde die Versorgungslage für viele Patient:innen spürbar verschlechtern. Gerade in ländlichen Regionen fehlt es oft an spezialisierten Ärzt:innen, und für Menschen mit chronischen Erkrankungen kann der Weg in die Praxis zur Belastung werden. Digitale Strukturen sind hier kein Ersatz, aber eine notwendige Ergänzung und ein wichtiger Bestandteil einer zeitgemäßen Versorgung.
Ausblick: Die entscheidende Phase steht noch bevor
Die wissenschaftliche Begleitung der Teillegalisierung ist noch lange nicht abgeschlossen. Der finale Bericht der Forschenden-Gruppe wird erst für 2028 erwartet. Bis dahin bleiben viele Fragen offen. Die aktuellen Ergebnisse sind als Zwischenstand zu verstehen, nicht als abschließende Bewertung.
Ob und in welchem Umfang die Politik die bisherigen Erkenntnisse und Empfehlungen aufgreift, ist derzeit unklar. Für uns bei CanDoc steht jedoch fest: Die weitere Entwicklung sollte sich an Forschungsergebnissen orientieren.
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Quellen
Manthey, J., Kalke, J., Kraus, L., Radas, S., Schranz, A., Verthein, U., Kotz, D., Fedler, C., Klosterhalfen, S., Steinhoff, P., Kinzig, J., Iberl, B., Rebmann, F., & Schreier, S. (2026, April). Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht.
Pressemitteilung zum 2. Zwischenbericht der Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN). https://www.uke.de/landingpage/ekocan/ver%C3%B6ffentlichungen/index.html





