Stressindex Deutschland: Wo der Alltag am entspanntesten ist

Wo lässt es sich in Deutschland besonders entspannt leben? Der Stressindex vergleicht 30 Großstädte anhand von Umweltbelastung, Arbeitszeit, Grünflächen sowie Gesundheits- und Präventionsangeboten und zeigt, wo die Voraussetzungen für einen stressfreieren Alltag besonders gut sind.

Deutschland ist ein Stressland. Laut dem Stressreport der Techniker Krankenkasse fühlen sich rund zwei Drittel der Deutschen zumindest gelegentlich, ein erheblicher Teil sogar häufig, belastet [1]. Dabei spielt Stress eine zentrale Rolle für unser körperliches Wohlbefinden. Hält die Belastung über längere Zeit an, kann sie die Gesundheit beeinträchtigen und unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Magengeschwüre und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes erhöhen.

Wie stark Menschen die Belastungen des Alltags erleben, ist individuell verschieden. Äußere Lebensbedingungen können jedoch erheblich dazu beitragen, dass Anspannung zum Dauerzustand wird. Dazu zählen nicht nur die persönliche Arbeitsbelastung und die verfügbare Erholungszeit, sondern auch Faktoren des unmittelbaren Wohn- und Arbeitsumfelds: Wie hoch ist die nächtliche Lärm- und die tägliche Feinstaubbelastung? Wie viele besonders warme Nächte gibt es im Jahresverlauf? Wie viel Grün ist erreichbar? Und wie gut ist die gesundheitliche und psychologische Versorgung vor Ort?

Um zu untersuchen, welche Rahmenbedingungen deutsche Großstädte für ein möglichst entspanntes Leben bieten, haben die Gesundheitsexperten von CanDoc für den Stressindex 30 Großstädte miteinander verglichen. In die Analyse flossen zehn Faktoren aus den Bereichen Umwelt, Arbeitswelt, Erholung sowie Gesundheitsversorgung und Prävention ein. Berücksichtigt wurden:

  • die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Grünflächen,
  • Umweltfaktoren wie Straßenlärm, Feinstaub und die Zahl der Tropennächte, 
  • die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit,
  • sowie die lokale (psychologische) Gesundheitsversorgung und Vorsorgeangebote.

"Dauerhafter Stress zählt zu den größten Risikofaktoren für Erkrankungen, und seine Ursachen sind selten eindimensional. Neben der persönlichen Vorgeschichte prägt auch das direkte Lebensumfeld, wie viel Stress Menschen im Alltag erleben. Unsere Analyse zeigt: Die Voraussetzungen dafür sind in Deutschland alles andere als gleich verteilt." 

Tobias Bosse, CEO von CanDoc

Augsburg bietet die besten Voraussetzungen für einen entspannten Alltag

Augsburg ist die erholsamste Stadt Deutschlands. Die Fuggerstadt punktet dabei nicht mit einem einzigen Extremwert, sondern mit einem ausgewogenen Profil. 

  • Ideale Anbindung an grüne Erholungsoasen: Grünflächen machen über 40 Prozent der Stadt aus; gleichzeitig erreichen mehr als zwei von drei Einwohnern (72 Prozent) diese Flächen innerhalb von 300 Metern.

  • Erholsame Nachtruhe: Im Schnitt sind gerade einmal 15 Prozent der Einwohner nachts einer Lärmbelastung über 55 Dezibel ausgesetzt. Zum Vergleich: 55 Dezibel entsprechen etwa der Lautstärke einer laufenden Waschmaschine oder einer lauteren Unterhaltung. Damit liegt die Stadt im aktuellen Vergleich im oberen Mittelfeld.

  • Gute Gesundheitsversorgung und moderate Arbeitszeit: Je 100.000 Einwohner stehen 66 Hausärzte und 62 Psychotherapeuten zur Verfügung, während die durchschnittliche Jahresarbeitszeit mit 1.275 Stunden vergleichsweise niedrig ist.

Umweltstress: In Kiel und Hamburg ist die Belastung am geringsten

Hitze, Lärm, Feinstaub: Diese drei Umweltfaktoren können den Körper zusätzlich belasten. Einzeln fallen sie kaum ins Gewicht. Der Körper aber reagiert auf derartige Dauerreize mit einer Stressreaktion: Puls und Blutdruck steigen, Stresshormone werden ausgeschüttet. Der damit einhergehende Umweltstress ist in deutschen Städten sehr unterschiedlich verbreitet:

Bei sehr hohen nächtlichen Temperaturen kann die nächtliche Abkühlung des Körpers erschwert werden. Der Schlaf wird flacher, Herz und Kreislauf müssen gegenarbeiten, der Körper bleibt im Belastungsmodus. Für Ältere und chronisch Kranke kann das gefährlich werden:

  • Der Norden schläft im Sommer entspannter: Hamburg zählt nur 2,5 Tropennächte im Jahr, Kiel 2,7. 

  • Am heißesten ist es in Karlsruhe mit rund 11 Tropennächten. Die Stadt liegt im Oberrheingraben, der als wärmste Region Deutschlands gilt [2].

Nächtlicher Verkehrslärm raubt den Schlaf und erhöht langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch wenn wir nicht aufwachen, deutet der Körper Verkehrslärm als Warnsignal, schüttet Stresshormone aus und lässt den Blutdruck steigen. Hält das über Jahre an, wächst das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

  • In Karlsruhe sind nur rund neun Prozent der Einwohner nachts mehr als 55 Dezibel ausgesetzt, in Düsseldorf 29 Prozent.

Feinstaub ist seit Jahren ein Thema, das insbesondere urbane Regionen betrifft. Die feinen Partikel dringen tief in Lunge und Blutkreislauf vor und belasten Herz und Atemwege. Es gibt Hinweise, dass sie zusätzlich das Stresssystem aktivieren und Stresshormone sowie Blutdruck ansteigen lassen [3].

  • Die sauberste Luft hat Kiel (6,0 µg/m³), am schlechtesten ist sie in Gelsenkirchen (10,7).

In der Gesamtwertung aller drei Faktoren findet sich der geringste Umweltstress in Kiel, gefolgt von Hamburg und München. Am stärksten belastet sind Düsseldorf, Essen und Gelsenkirchen.

Raus aus dem Dauerstress: Hier gibt es die besten Anlaufstellen

Wer unter Dauerstress steht, braucht zweierlei: Möglichkeiten, aktiv abzuschalten, und Anlaufstellen, wenn es zu viel wird. Wir haben deshalb vier Angebote je 100.000 Einwohner verglichen: Wellnesscenter zum Abschalten, von den Krankenkassen zertifizierte Kurse für Entspannung und Stressmanagement, Hausärzte als erste Anlaufstelle bei stressbedingten Beschwerden und Psychotherapeuten für professionelle Hilfe. Die Spitzenreiter im Einzelnen:

  • Entspannungskurse: Nürnberg bietet mit 15,7 zertifizierten Präsenzkursen die meisten, gefolgt von Augsburg (14,3) und Frankfurt am Main (11,9). In Duisburg sind es nur 1,2.

  • Wellnesscenter: Köln ist mit 41 Einrichtungen führend, mehr als dreimal so viele wie Düsseldorf (13) und Berlin (12). Bielefeld kommt auf nur 2.

  • Hausärzte: Zwar ist die Zahl der Hausärzte über die sogenannte Bedarfsplanung geregelt, dennoch gibt es regional deutliche Unterschiede. Leipzig hat mit 77 Hausärzten je 100.000 Einwohner die höchste Dichte, dicht gefolgt von Nürnberg (76) und Kiel (75). Hausärzte sind oft die erste Anlaufstelle, wenn Stress sich körperlich zeigt, etwa durch Schlafprobleme, Erschöpfung oder Herzrasen. Duisburg bildet mit 55 das Schlusslicht.

  • Psychotherapeuten: Münster führt mit 137 pro 100.000 Einwohner vor Bonn (129) und Köln (114). Als regionales Versorgungszentrum verfügt Münster über eine besonders ausgeprägte medizinische Infrastruktur. Duisburg kommt dagegen auf 31 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner. 

Über alle vier Unterstützungsangebote hinweg bieten Frankfurt am Main, Nürnberg und München die beste professionelle Unterstützung bei Stress. Am Ende der Rangliste stehen Duisburg, Gelsenkirchen und Essen, alle drei im Ruhrgebiet.

Natürlicher Gesundheits-Booster: Die grünsten Städte Deutschlands

Grünflächen spielen im Stadtalltag eine wichtige Rolle für Erholung und Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt Parks, Wälder und andere urbane Grünräume unter anderem als Orte für psychologische Erholung, Bewegung und soziale Interaktion. Gleichzeitig können sie vor Lärm, Luftverschmutzung und übermäßiger Hitze schützen [4]. Folgende Städte zählen dabei zu den grünsten Oasen Deutschlands:

  • Aachen ist mit 51 Prozent Grünflächen die grünste Stadt des Vergleichs. Dahinter folgen Wuppertal mit 47 Prozent, Wiesbaden mit 46 Prozent und Bonn mit 43 Prozent. 

Die WHO betont in der Stadtplanung nicht nur das Vorhandensein von Grünflächen, sondern auch ihre gute Zugänglichkeit und möglichst gleichmäßige Verteilung im Stadtgebiet [5]. Umso aufschlussreicher ist der Blick auf die tatsächliche Erreichbarkeit:

  • In Bielefeld haben 88 Prozent der Einwohner einen guten Zugang zu Grünflächen. Damit weist die Stadt den höchsten Anteil im Vergleich auf, was die Stadt ihrer hervorragenden Lage mitten im Teutoburger Wald zu verdanken hat. 

  • Am unteren Ende der Skala steht Mannheim mit 60 Prozent, gefolgt von Düsseldorf (63 Prozent) und München (64 Prozent). Das ist zwar noch immer ein hoher Anteil, aber mehr als ein Drittel der Einwohner hat keinen leichten Zugang zu Parks oder Waldstücken.

Arbeitszeit: In Frankfurt wird am längsten gearbeitet, in Aachen am kürzesten

Wie viel Raum die Erwerbsarbeit im Alltag einnimmt, wirkt sich auch auf die Gesundheit aus: Studien bringen lange Arbeitszeiten mit Erschöpfung und Schlafstörungen in Verbindung [6][7]. Zwar bedeuten geringere Arbeitsstunden nicht automatisch mehr Freizeit und weniger Belastung. Je mehr Zeit die Arbeit beansprucht, desto weniger bleibt jedoch effektiv für Erholung, Schlaf und Privatleben. 

  • Die längsten Arbeitszeiten gibt es in Frankfurt am Main: Beschäftigte arbeiten dort im Schnitt 1.395 Stunden pro Jahr. Der wichtigste Finanzplatz Deutschlands und Sitz von EZB und Deutscher Börse ist stark von Finanzwirtschaft und wissensintensiven Dienstleistungen geprägt.

  • Die kürzeste durchschnittliche Arbeitszeit gibt es in Aachen: Die Studentenstadt liegt mit 1.260 Stunden am anderen Ende des Rankings.

Zwischen diesen beiden Städten liegen 135 Stunden im Jahr: Bei einer 40-Stunden-Woche bedeutet das umgerechnet mehr als drei zusätzliche Arbeitswochen. 

Die Stresshauptstadt Deutschlands: Düsseldorf liegt in fast jeder Kategorie hinten

Die schlechtesten Voraussetzungen für einen stressfreien Alltag bietet Düsseldorf. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt treffen mehrere belastende Rahmenbedingungen aufeinander:

  • Nachts ist fast jeder Dritte Düsseldorfer (29 Prozent) einem Straßenlärm von mehr als 55 Dezibel ausgesetzt, mit weitem Abstand der höchste Wert im gesamten Vergleich.

  • Zu einer nahen Grünfläche hat nur gut jeder Zweite (63 Prozent) leichten Zugang, der drittniedrigste Wert unter allen 30 Städten.

  • Mit durchschnittlich 1.357 Stunden im Jahr bleibt für die Erholung wenig Raum, nur in Frankfurt am Main wird noch länger gearbeitet.

  • Auch mit 11 Tropennächten pro Jahr liegt die Rheinmetropole im oberen Bereich, nur Karlsruhe und Dresden verzeichnen mehr.

Einzig bei Wellnesscentern schneidet Düsseldorf mit 13 Einträgen je 100.000 Einwohner überdurchschnittlich ab, das reicht aber nicht, um die Belastung in den anderen Bereichen auszugleichen.

Quellen-Verzeichnis

Methodik